Kolumne Episode 12. Fünf Ideen, wie jede:r unsere Marktwirtschaft sozialer machen kann

Die Idee der sozialen Marktwirtschaft – in den 50ern vor allem von Ludwig Erhard eingeführt – war lange Zeit ein Exportschlager und hat uns in Deutschland über viele Jahrzehnte eine wundervolle wirtschaftliche Perspektive gegeben: Menschen können nach eigenen Fähigkeiten Karriere machen und zu Wohlstand kommen, aber wenn dies nicht gelingt, werden sie durch den Staat vor dem Schlimmsten bewahrt. Aber ist sie noch auf dem Stand der Zeit? Oder passiert es nicht immer mal wieder, dass Leute sich entnervt der klassischen Wirtschaft abwenden. 

Nach einschlägigen Erfahrungen mit klassischen männlich dominierten und wenig sozialen Strukturen gesteht auch Andrea Mörike im Podcast ein: “Ich hatte keinen Bock mehr, überhaupt in meinem Leben irgendwann mal für eine Profitfirma zu arbeiten, wo Männer an der Macht sind”. Sie hat daraufhin ihr Leben umgekrempelt.[1]

 

Also nochmal die Frage: Kann die soziale Marktwirtschaft Themen wie Klimakrise, Digitalisierung, soziale Ungerechtigkeiten wirksam adressieren?

 

Sie kann! Aber dazu muss sie noch etwas weiterentwickelt werden, und sie braucht unsere Hilfe. Ich möchte hier auf den zweiten Aspekt eingehen: Was kann jeder von uns in der täglichen Arbeit tun, um die Marktwirtschaft etwas sozialer zu machen? Können wir überhaupt als “kleine Rädchen im Getriebe” einen Unterschied machen? Ja, können wir. Wir müssen uns dafür etwas einmischen, und hier sind ein paar Ideen dazu.

 

Idee 1: Mache jedes Meeting zu einem Gewinn

Es ist schon viel über unsere überbordende Meetingkultur geschrieben worden. Themen wie “kein Meeting ohne Agenda”, “jeder muss gehört werden” usw. sind richtig und wichtig. Aber das möchte ich gar nicht wiederholen. Sondern einen neuen Impuls hinzuzufügen: Wie wäre es denn, wenn wir in jedem Meeting versuchen würden, das Thema Nachhaltigkeit auf der operativen Ebene zu adressieren? Was meine ich damit – zunächst mal eine Erinnerung, was wir unter Nachhaltigkeit verstehen.

Die UN hat gut durchdachte Ziele für eine nachhaltige Entwicklung herausgebracht, die viele schon kennen. Aber gleichzeitig wirken sie so generisch und “fern” der täglichen Arbeitswelt, dass sie praktisch keine Bedeutung haben. Hier sind sie nochmal:[2]

In Meetings werden meist Statusberichte gegeben, Entscheidungen getroffen, Pläne (um)geschmiedet und Verantwortlichkeiten festgelegt. Und seien wir ehrlich, viele Meetings ziehen sich endlos hin.

 

Wie wäre es denn, wenn in jedem Meeting die Leitung eine der 17 Nachhaltigkeitsziele nimmt und zum Beispiel fragt: “Wie ist es in unserer Abteilung um ‚Maßnahmen zum Klimaschutz’ (#13) bestellt?” Nehmt Euch 5 Minuten Zeit, um darüber nachzudenken, ob es Dinge gibt, die ihr direkt verändern könnt, zum Beispiel:

  • Haben wir noch Glühlampen oder Halogen in unseren Beleuchtungen statt LEDs?
  • Heizen wir unsere Büroräume noch über Nacht oder am Wochenende?
  • Ist unser Kaffee klimaneutral produziert worden?
  • Wird unsere IT-Cloud mit grünem Strom betrieben?

 

Oder Ziel ‘Weniger Ungleichheiten’ (#10). Es geht dabei nicht nur um Inklusion von Minderheiten, sondern dahinter steckt die Haltung, jedem Menschen die gleichen Möglichkeiten einzuräumen. Fragen könnten zum Beispiel sein:

  • Haben wir alle Perspektiven im Raum gehört und wertgeschätzt?
  • Holen wir uns aktiv Feedback von unseren Kollegen in anderen Abteilungen, die mit uns zusammenarbeiten?
  • Sind die Arbeitsplätze so gestaltet, dass sehr große und sehr kleine Menschen damit dauerhaft gesund arbeiten können?
  • Und natürlich: können Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen bei uns fair mitarbeiten?

 

Für Unternehmen ist auch die Weiterbildung enorm wichtig, Ziel ‘Hochwertige Bildung’ (#4). Fragen dazu könnten sein:

  • Hat jeder von uns einen persönlichen, individuellen Entwicklungsplan, der ihn/sie gleichsam fördert und fordert und der auch dem Team nützt?
  • Was haben wir letzte Woche gelernt und mit allen geteilt?
  • Wie können wir diese Woche Dinge lernen oder ausprobieren?
  • Welches externe Unternehmen können wir besuchen, um uns über Technologien, Prozesse, Kultur auszutauschen?

 

Ich bin mir sicher, Euch fallen noch viele andere Fragen ein. Mein Tipp: Geht doch mal die Ziele #13, 5, 3, 10, 4, 8, 12, 9 durch, jeweils ein Ziel pro Woche, und nach zwei Monaten geht’s wieder von vorne los. Nehmt Euch eine Frage vor und beantwortet diese. Nehmt Euch eine Aktion vor (nicht die Minutes vergessen) und führt diese durch (und berichtet darüber).

So kann jedes Meeting ein Gewinn sein.

Idee 2: Unterstützt nachhaltig agierende Lieferanten

Überlasst faire Arbeitsbedingungen Eurer Lieferanten nicht dem Lieferkettengesetz und der Einkaufsabteilung. Bei den meisten Einkaufsprozessen ist heute auch das Thema Nachhaltigkeit relevant, aber seien wir doch ehrlich, es gewinnen meist die Anbieter mit dem besten Preis oder Preis-Leistungsverhältnis. Nachhaltigkeit ist bestenfalls ein Hygienefaktor.

Das könnt Ihr ändern. Viele von Euch sitzen in den sogenannten Fachabteilungen, die letztlich mitbestimmen, welche Lieferanten sich überhaupt an Ausschreibungsprozessen beteiligen können und wer am Ende ausgewählt wird. Propagiert nachhaltig agierende Lieferanten – die Einkaufsabteilungen haben meist dazu schon Berichte ihrer Lieferanten vorliegen. Schaut Euch bei Eurer Auswahl immer auch ein Open Source Softwareunternehmen oder ein Sozialunternehmen als Lieferant an, macht bei Buy Social [3] mit. Legt die Latte etwas höher, denn auch Eure Kunden werden über kurz oder lang erwarten, dass Eure Firma auf solche Dinge achtet.

Idee 3: Managt auch die Kosten für Nicht-Nachhaltigkeit

Überlasst die KPIs zur Nachhaltigkeit nicht dem Controlling oder der Sustainability Abteilung. Diese Idee ist für alle, die die Hoheit über ein Produkt haben. Überlegt doch mal, welche externen Nachhaltigkeitskosten Eure Produkte verursachen. Das sind Kosten, die Eure Firma nicht direkt bezahlen muss, sondern die die Gemeinschaft trägt. Manchmal trägt die Kosten heute niemand, und sie werden den kommenden Generationen aufgebürdet.

Beispiele gefällig?

  • Externe Umweltkosten: Kosten für die Reinigung der Meere und Strände, weil Müll nicht richtig entsorgt wird, der vielleicht durch Eure Produkte entstanden ist
  • Externe Sozialkosten: Gesundheitsschäden von Menschen in Drittweltländern, die Eure Vorprodukte herstellen und unter den schlechten Arbeitsbedingungen leiden
  • Externe Governancekosten: Behandlungskosten von Unfall-, Stress- und anderen arbeitsbezogenen Beschwerden, weil Arbeitssicherheit oder eine toxische Unternehmenskultur herrschen

Das klingt erstmal wie ein Gruselkabinett, mit dem sich niemand gerne beschäftigen möchte. Aber seht es mal andersrum: wenn Ihr eine Abschätzung dieser externen Kosten gemacht habt, könntet Ihr anfangen, sie zu reduzieren und Monat für Monat sehen, dass Ihr der Welt etwas Gutes getan habt.

Wenn Ihr dann noch eine gute Marketingabteilung habt, könnt Ihr vielleicht sogar diese Verbesserungen an die Kunden kommunizieren und daraus (guten!) Profit schlagen.

Idee 4: Redet darüber, viel und laut

Nur Themen, über die viel und laut geredet werden, haben eine Chance, auf die Agenda vom Top-Management zu gelangen. Es gibt sicherlich Plattformen in Eurer Firma, auf der man etwas posten kann, Artikel veröffentlichen kann oder schlichtweg mal etwas sagen kann. Das sind hervorragende Möglichkeiten, Eure Ideen zu den Themen oben.

Eine Idee könnte sein, eine Gruppe von Changemakern zusammenzutrommeln und sich abzustimmen, wer wo was einbringt. Es gibt meist einige freundlich gesinnte Abteilungen bzw. Gremien für Eure Themen, zum Beispiel Einkauf, Compliance, Strategie, Nachhaltigkeit, Controlling, Personal, Security, oder Betriebsrat. 

Idee 5: Rollt Eure Ideen aus – oder macht sie zu Geld

Macht Euch das ominöse “Vorschlagswesen” zum Freund – oder schlagt ihm ein Schnippchen. Wenn Ihr gute Ideen im eigenen Team umgesetzt habt, warum nicht auch andere motivieren mitzumachen? Dazu könnt Ihr einfach auf andere Abteilungen zugehen und Ideen teilen, oder auch das betriebliche Vorschlagswesen (vulgo “Ideenmanagement”) nutzen. Meist ist es gar nicht so verstaubt, wie der Name klingt. 

Und wenn es doch mal so sein sollte, schlagt ihm ein Schnippchen: gründet Eure eigene Gesellschaft (eine UG gibt’s schon ab 1 Euro Startkapital), tut Gutes und nehmt Geld dafür. Aber bitte die Complianceregeln beachten, damit es nicht zu Interessenkonflikten kommt. Denkt daran: Auch gute Governance gehört zur Nachhaltigkeit.

 

Ich hoffe, dieser Artikel konnte ein Impuls sein, dass auch die gute alte Dame ‘soziale Marktwirtschaft’ einiges in Petto hat, was unsere Wirtschaft nachhaltiger macht. War etwas für Euch dabei? Fehlt etwas? Schreibt es in die Kommentare. Und vor allem: probiert es aus!

 

[1] Der Podcast ist hier und auf allen großen Podcast-Plattformen abrufbar

[2] Details unter https://unric.org/de/17ziele/

[3] Eine Initiative zur Förderung von Unternehmen, die besonders sozial und nachhaltig gemanagt werden. https://www.send-ev.de/projekte-items/buy-social-deutschland-2/

 

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